How To Tactical Urbanism für Wien

Lenplatz Graz mit Radlern

Vorübergehende Veränderung der gebauten Stadt, um Verkehrssituationen und städtische Räume zu verbessern – das bedeutet Tactical Urbanism. Der Begriff bezeichnet kostengünstige, temporäre und auch von Bürger:innen initiierte Eingriffe im städtischen Raum. Wir haben uns im Rahmen unseres “Toolbox for City Changer” Workshopreihe angesehen, was das für Wien bedeuten kann. (Downloadbereich am Ende dieses Artikels)

Tactical Urbanism im Wiener Regierungsprogramm

Das Regierungsprogramm der zweiten SPÖ-Neos-Koalition 2025 führt den Begriff mehrfach ein: “Wir bauen eine Kompetenzstelle in der Stadtverwaltung mit Fokus auf ‘Tactical Urbanism’-Maßnahmen im öffentlichen Raum sowie ‘Regulatory Sandboxes’ auf, um Möglichkeitsräume zu erproben und daraus wertvolle Erkenntnisse zu generieren.” (S.47) “Wir entwickeln das Aktionsprogramm Grätzloase um den Bereich des ‘Tactical Urbanism’ weiter, um in der Stadt innovative und partizipative Formen der Grünraumgestaltung zu etablieren. ‘Tactical Urbanism’ gilt als ein zeitgemäßes Instrument der Raumplanung, um Straßenräume innerhalb eines kurzen Zeitraumes inklusiv und nachhaltig umzugestalten. Es ist ein schneller, kostengünstiger und handlungsorientierter Ansatz für sinnvolle Veränderungen im urbanen Raum unter Einbeziehung der lokalen Nachbarschaft.” (S.84)

Hinter der plötzlichen Vorliebe der Stadtregierung für ein Konzept, dass die SPÖ Wien zu Covid-Zeiten noch abgelehnt hatte, steckt der Budgetdruck. Daher soll auch statt hochwertiger teurer Supergrätzel-Umsetzung wie in Favoriten zu billigeren Varianten gegriffen werden. Dafür wurde die Wortneuschöpfung „Low-Traffic-Grätzel“ nach Londoner Vorbild im Regierungsprogramm 2025 eingeführt. Es sollen „Modalfilter in Kreuzungsbereichen, Möglichkeiten für kostengünstige Begrünungen, künstlerische Gestaltung“ „für eine rasch bemerkbare Steigerung der Lebensqualität in den Gebieten“ eingesetzt werden. “Statt Supergrätzel bauen wir Low-Traffic-Grätzel, wo wir für Verkehrsberuhigung sorgen und später können vielleicht Begrünung, Pflasterung oder Ähnliches folgen”, bestätigen Selma Arapović (Neos) und Josef Taucher (SPÖ) im Standard, Februar 2026.

Favoriten

Teure Pflasterungen, Trinkbrunnen, Überdachungen und Sitzmöbel sowie 66 neue Bäume wie im fertigen Supergrätzel Favoriten übersteigen die Budgetplanung der Stadt Wien, daher sollen für kommende Verkehrsberuhigungen günstigere Tactical Urbanism Maßnahmen herangezogen werden.

So sah das Supergrätzel Favoriten in der Pilotphase 2023 aus, als die zukünftige bauliche Gestaltung mit Farbflächen, Pflanztrögen und Sitzmöbeln temporär inszeniert wurde – eine klassische Anwendung von Tactical Urbanism Elementen.

Was meint die Welt mit Tactical Urbanism?

Der Begriff wurde 2010 geprägt, um eine Reihe bestehender temporärer Techniken zusammenzufassen, mit denen interimistische oder simulierende verkehrliche Eingriffe im öffentlichen Raum umgesetzt werden können. Aufmerksamkeit erregte die Einführung von Plätzen, Radstreifen und Fußgängerzonen mitten in Manhattan im Jahr 2009 während der Amtszeit von Janette Sadik-Khan als Verkehrskommissarin, wobei Trennelemente, Straßenbemalung und Möbel kombiniert wurden. Zur Zeit der Covid-Pandemie griffen Stadverwaltungen dann weltweit zu raschen Interventionsmitteln für die Verbesserung des öffentlichen Raums, unter anderem mit sogenannten “Pop-Up-Bikelanes”.

Die “Street Plans Collaborative” definiert laut Wikipedia taktischen Urbanismus als einen Ansatz zur städtischen Veränderung, der die folgenden fünf Merkmale aufweist:

  • bewusster, schrittweiser Ansatz zur Einleitung von Veränderungen
  • das Angebot lokaler Lösungen für lokale Planungen
  • kurzfristiges Engagement als erster Schritt zu längerfristiger Veränderung
  • geringes Risiko mit potenziell hohen Erträgen
  • Entwicklung von Sozialkapital zwischen Bürger:innen, öffentlichen und privaten Institutionen, gemeinnützigen Organisationen

Dabei wird Tactical Urbanism vorwiegend von Stadtverwaltungen bzw. in deren Auftrag angewandt. Der Einsatz bottom-up von Bürger:innen-Initiativen ist möglich, aber vor allem im hochregulierten Umfeld von europäischen Städten wie Wien schwierig.

Wie geht denn das?

Im Grunde greift taktischer Urbanismus auf sechs einfache Tools zurück – der adäquate Einsatz in der konkreten Situation macht dann die Qualität für die Nutzer:innen aus.

Der Tactical Urbanism Guide von Street Plans ist für den Einstieg sehr zu empfehlen! Darin werden diese Maßnahmen unterschieden:

  • Barrieren wie Betonelemente oder Poller
  • Begrünung und Pflanzelemente
  • Möblierung
  • Oberflächengestaltung mit Farbe
  • Zeichen und Beschilderung
  • Veranstaltungen

Beispiele aus Wien und Graz

Konkreter Einsatz von taktischen Elementen wie Pflanztröe, Sitzgelegenhieten und Farbflächen zur Verkehrsberuhigung sind in Österreich noch selten. Die Umgestaltung des Grazer Lendplatzes als verkehrsberuhigte und bunte Begegnusgzone ohne bauliche Veränderungen ist des beste Beispiel hierzulande, wo auch tatsächlich in Verkehrsabläufe regulierend eingegriffen wurde:

Lendplatz

Fotos: verkehrplus und Stadt Graz/Gostentschnigg

Das Projekt “TikTak Galilei” der TU Wien in der Galileigasse im 9. Wiener Gemeindebezirk brachte 2024 Sitzgelegenheiten zum Erholen, Gemüse- und Blumenbeete sowie eine kreativ bemalte Straße, die zum Spielen einlädt:

Foto: Tim Dornaus

Bottom-Up Interventionen mit Farbe fanden in Wien erstmals 2018 mit diesem Radspielplatz-Projekt in der Ernst Melchior Gasse statt, dessen Bemalung von Sylvia Kostenzer (remake streets) geschaffen wurde, die darauffolgend Projekte u.a. in der Gasgasse und zuletzt 2026 auf dem Bruno Pittermann Platz umsetzte:

Durch das Pilotprojekt „Mehr Farbe für mehr Achtsamkeit“ in der Gemeinde Perchtoldsdorf, NÖ, wurde bei Untersuchungen sogar belegt, dass die farbigen Markierungen rund um einen Zebtrastreifen zu einer Reduktion der gefahrenen Geschwindigkeiten geführt haben.

Infomaterialien aus unserem Workshop

Im Rahmen unseres Workshops zu Tactcial Urbanism und Street Design am 9. Mai 2026 konnten wir diese Vorträge einbringen:

  • WirMachenWien – Das ist Tactical Urbanism: Download Pdf
  • Prostorož Ljubljana – Öffentlicher Raum ist gemeinsamer Raum: Video auf Youtube
  • Remake Streets Wien – Wie farbige Markierungen das Verhalten verändern können: Download Pdf
  • WirMachenWien – Street Design Workshops: Download Pdf
  • Hinweis auf den Tactical Urbanism Guide: Download Pdf

Der internationale Beitrag des Urbanist:innen-Büros Prostorož aus Ljubljana kam im Rahmen unseres Projekets “Toolbox for City Changers” bei einem Workshop in Berlin zustande, das durch EU-Förderungen von Erasmus+ ermöglicht wurde.

Bemalung