“Stadtplanung ist nie geschlechtsneutral”, [1] stellt Stadtplanerin und Gender Planning Koryphäe Eva Kail aus Wien klar. Wien gilt international als Vorreiterin im Gender Planning, also der geschlechtergerechten Stadtplanung. Doch was bedeutet das genau, eine Stadt für intersektionale Bedürfnisse zu planen? Anhand der Seestadt in Donaustadt sowie Beispielen in Favoriten zeigen wir, wie feministische Planung in Wien aussieht.
Was bedeutet Gender Planning?
Gender Planning bedeutet, die Stadt intersektional zu planen: Also gleichberechtigt die vielfältigen Bedürfnisse unterschiedlicher Menschen zu berücksichtigen. Das heißt: weg vom traditionellen Fokus einer Stadtplanung, die die Bedürfnisse autofahrender, vollzeitbeschäftigter Männer ohne Care-Verpflichtungen in den Vordergrund stellt. Es geht also nicht nur um das Geschlecht, sondern um soziale Rollen in der gesellschaftlichen Ordnung. Diese Rollen werden von vielen Faktoren, wie Alter, Care- bzw. Pflegeverpflichtungen, finanzieller Status, Herkunft, uvm. beeinflusst und sollten bestmöglich in der Stadtplanung berücksichtigt werden, damit allen Menschen ein möglichst gleichberechtigtes Leben in der Stadt ermöglicht werden kann – ohne bestimmte Personengruppen an der Teilnahme des urbanen Lebens auszuschließen.
FLINTA*-Personen (Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, Nicht-binäre, Trans* und Agender Personen) beispielsweise haben andere Bedürfnisse an den öffentlichen Raum. Sie sind durch Care-Arbeit mehr auf kurze Wege und Aufenthaltsqualität angewiesen.
Konkret bedeutet das
- Kurze Wege und ein umfassendes, dichtes Angebot an Einrichtungen und Services der sozialen Infrastruktur im Quartier, der den Alltag für viele Menschen erleichtern soll – beispielsweise kurze Wege für Menschen, die Care-Arbeit leisten (zB Kindergarten und Schulen direkt im Wohngrätzl)
- Öffentliche Räume für FLINTA*-Personen sicherer und zugänglicher machen
- Anstreben von Nutzungsvielfalt und -offenheit statt statischer Gestaltungsansätze, die wenige Nutzungen begünstigt und viele andere ausschließt
- Partizipation in der Stadtgestaltung für alle Menschen zugänglich zu machen

Wien als Vorreiterin im Gender Planning
Städte wurden Jahrhunderte lang von Männern in stadtplanerischen Entscheidungspositionen und deshalb auch primär für männliche Bedürfnisse geplant. Da Wien in vielen Teilen eine sehr alte Stadt ist, ist sie an vielen Ecken noch auf traditionell-männliche Bedürfnisse zugeschnitten. In den letzten 35 Jahren reklamierten sich schließlich Frauen in höhere Planungspositionen und brachten bis dato fehlende Perspektiven in Planungsprozesse ein. Vor allem durch die Expertin Eva Kail wurden zentrale Erfolge erzielt. 1992 wurde mit der MA57 der Frauenservice der Stadt Wien gegründet – mit Kail als Leiterin. Vor allem in Neubaugebieten, wie der Seestadt Aspern, dem Sonnwendviertel, aber auch in Vierteln wie Favoriten oder Mariahilf, wurde seitdem vermehrt auf gendersensible Planung geachtet. Dadurch wird Wien als Vorreiterin für Gender Planning gehandelt.

Ökologische und soziale Nachhaltigkeit gehen zusammen
Dabei gehen ökologische und soziale Nachhaltigkeiten Hand in Hand, stellt auch die Expertin Eva Kail 2023 klar: „Hätten wir alle mehr auf die Feministinnen gehört, wären wir jetzt bei den Maßnahmen gegen die Erderwärmung besser aufgestellt” [3]. Studien zufolge sind Frauen häufiger Fußgänger:innen, was feministische Stadtplanung auch zu einer klimagerechten Planung für Städte führt [2]. Auch im Interview mit Sabina Riss von der TU Wien, die dort unter anderem in der Abteilung für Genderkompetenz lehrt, wird deutlich, dass die Stadtplanung noch immer zu wenig an den sozialen Bedürfnissen, Fuß- und Radverkehr orientiert und vermehrt auf KFZ-Mobilität geachtet wird.

Seestadt Aspern – Stadt der kurzen Wege
Ein Konzept, um dagegen anzugehen ist beispielsweise das Konzept “15 Minuten Stadt”, was eine Umgestaltung der Städte zum menschlichen Maßstab vorschlägt: Alle Einrichtungen des täglichen Bedarfs, wie Supermärkte, Apotheken, Arztpraxen und Kindergärten sollen innerhalb von fünfzehn Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar sein. Das macht Sorgearbeit, Erwerbstätigkeit und Freizeit vereinbarer und fördert die Autonomie und Unabhängigkeit aller Bewohner:innen, insbesondere die von FLINTA* Personen.
Eines der bekanntesten Beispiele: die Seestadt Aspern. Schon in der Planungsphase vor 20 Jahren wurde begleitend mit dem Masterplan Gender-Mainstreaming-Studie genau geschaut, wie verschiedene Gruppen – etwa Frauen mit Betreuungspflichten oder Jugendliche – Wege nutzen, Plätze brauchen oder öffentliche Räume erleben. Das Ergebnis: kürzere Wege, mehr soziale Infrastruktur und eine lebensnahe Raumgestaltung, die für viele funktioniert – nach dem Konzept 15 Minuten Stadt. Die Studie ergab schließlich, dass die Blocklängen zu lang sind und zu wenig soziale Infrastruktur existiert – Schulen, Kindergärten, Ärzte zu weit auseinander liegen. Das wurde dann in der weiteren Umsetzung der Seestadt Aspern beachtet. Auch das Superblock Konzept entspricht diesen Kriterien einer konzentrierten Infrastruktur.

Vom Reumannplatz zum Reumädchenplatz – Partizipation in Favoriten
Als gelungenes Beispiel für eine gendergerechte, intersektionale Partizipation wird der Reumannplatz im 10. Bezirk gehandelt. Der Platz wurde in den 1970er Jahren gestaltet und liegt mit Favoriten in einem sehr bevölkerungsreichen Bezirk mit viel Migrationshintergrund “wo der Druck auf den öffentlichen Raum sehr groß ist und den sehr viele Leute nutzen, auch als öffentliche Verkehrsmittel, Umsteigepunktgeschäfte, Erholungsfläche und so weiter” beschreibt Sabina Riss den Ort.
Ab 2015 bis 2020 wurde der Platz dann neu gestaltet mit gezielten Partizipationsprozessen. So wurde beispielsweise eine Mädchengruppe aus den umliegenden Schulen miteinbezogen. Auch die Unternehmer:innen vor Ort wurden befragt und ein Mobilitätsfonds, hielt regelmäßige Begehungen ab. Mehrere künstlerische Projekte fanden anschließend vor Ort statt, um unter dem Namen “ReuMädchenplatz” die Wahrnehmung von Mädchen im öffentlichen Raum zu stärken. Dazu gehörte unter anderem eine Mädchenbühne und unterschiedliche Gestaltungsaktionen.

Mehr Platz für Mädchen: Wie Wien seine Parks neu dachte
Ein weiteres Beispiel für die Wahrnehmung von Mädchen und jungen Frauen* im öffentlichen Raum findet sich in der Parkgestaltung. In den 1990er-Jahren zeigte eine Untersuchung in Wien deutlich: Viele Mädchen zwischen zehn und 13 Jahren vermeiden die Nutzung von Parks. Warum? Weil sie dort oft keine passenden Angebote vorfanden – Ballspielkäfige waren meist von Buben dominiert, während Aufenthaltsbereiche für Gespräche oder ruhigere Aktivitäten fehlten.
Die Stadt reagierte: Ab 1999 wurden im Bruno-Kreisky-Park und Einsiedlerpark erstmals neue Konzepte erprobt – mit Beteiligung der Mädchen selbst. Die Wünsche wurden sichtbar in die Tat umgesetzt: Zusätzlich zu den bestehenden Sportangeboten entstanden Volleyball- und Badminton-Plätze, Hängematten und vielfältige Sitzmöglichkeiten, die zum Verweilen, Plaudern und Beobachten einladen.Auch Sicherheitsaspekte wurden mitgedacht. Hohe Büsche, die das Sicherheitsgefühl einschränken konnten, wurden zurückgeschnitten oder entfernt, Wege besser beleuchtet – Maßnahmen, von denen nicht nur Mädchen, sondern alle Parknutzer:innen profitieren.

Beim gendersensiblen Planen geht es auch darum, potentielle Angsträume – also Räume der Unsicherheit für Flinta-Personen – aufzulösen. Dabei geht es um die Gestaltung von öffentlichen Räumen wie Parks oder Unterführungen, die wenig beleuchtet sind. Auch Orte, an denen besonders viel Autoverkehr stattfindet, werden dazu gezählt. “Dieses subjektive Sicherheitsempfinden ist einfach bei weiblich gelesenen Personen doch geringer.” – so Sabina Riss.
Mehr Beteiligung, mehr Daten, mehr Engagement: Feministische Stadtplanung in Wien darf kein Nebenthema sein
Die Stadt Wien gilt vielerorts als Vorreiterin in Sachen partizipativer Stadtentwicklung. Doch wer beteiligt sich wirklich an diesen Prozessen – und wessen Bedürfnisse werden gehört?
“Ich glaube , dass es wichtig ist, die Bedarfe der Bevölkerung, jetzt auch der weiblich gelesenen Bevölkerung, noch viel gezielter immer abzufragen oder zu evaluieren.” mahnt Sabina Riss. Besonders weiblich gelesene Personen sind oft unterrepräsentiert. Zeitmangel durch unbezahlte Care-Arbeit und das Gefühl, die eigene Meinung sei „nicht wichtig genug“, führen dazu, dass Frauen seltener aktiv mitgestalten. Dabei ist genau das zentral für eine gerechtere Stadt.Dafür braucht es neben Forschung und gezielte Beteiligungsformaten und vor allem auch Daten, die geschlechtergerecht erhoben und ausgewertet werden.
Für die Zukunft appeliert Riss: Die Stadt hätte viel in der Hand – von der Datenerhebung bis zur Ausbildung künftiger Planer:innen. Am Ende hängt der Fortschritt aber an den Menschen in Entscheidungspositionen: Dass feministische Anliegen Wirkung entfalten, braucht kontinuierliches politisches Engagement – wie es etwa Eva Keil als langjährige Stadträtin gezeigt hat. Aktuell ist Kathrin Gaál in der Entscheidungsposition als Amtsführende Stadträtin für Wohnen, Wohnbau, Stadterneuerung und Frauen.
Es gilt also immer dranzubleiben, sichtbar zu machen und zu empowern. Feministische, intersektionale Stadtplanung ist kein Nice-to-have, sondern die Grundlage für eine Stadt, die für wirklich alle funktioniert.
Quellen:
- [1] https://orf.at/stories/3204407/
- [2] https://oe3.orf.at/stories/3022509/
- [3] https://www.wienerzeitung.at/a/eine-stadt-gemacht-fuer-frauen
- Interview mit Sabina Riss (Dezember 2024)
- https://wien.orf.at/stories/3145899
- https://orf.at/stories/3204407
- Handbuch “Gender Mainstreaming in der Stadtplanung und Stadtentwicklung”: https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrup/download/pdf/4170527?originalFilename=true
- https://www.wienerzeitung.at/a/eine-stadt-gemacht-fuer-frauen
- https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/grundlagen/gender/
- Sneha Visakha: Making a Feminist City: Planning Safety and Autonomy for Women. A Legal and Policy Perspective.

