Wie das Umweltteam der AHS Rahlgasse die Vision einer autofreien Schulgasse Realität werden lässt
Ein Beitrag der Initiative (LINK)
Die AHS Rahlgasse im 6. Wiener Gemeindebezirk zeigt eindrucksvoll, wie Schulen aktiv an der Transformation des öffentlichen Raums mitwirken können. Getragen von einem engagierten Umweltteam – bestehend aus motivierten Lehrpersonen und den gewählten Umweltsprecher:innen der Schüler:innenschaft – hat die Schulgemeinschaft ein Best-Practice-Modell für urbane Mitgestaltung geschaffen.

Der Problemaufriss: Enge, Hitze und fehlender Freiraum
Die AHS Rahlgasse – ein Gymnasium in Wien-Mariahilf – steht seit jeher vor einer gravierenden räumlichen Herausforderung: Die Schule verfügt über keinen eigenen Schulhof und kaum Pausenräume. Für die über 700 Jugendlichen bedeutet das vor und nach der Schulzeit sowie in den Pausen oder während offener Lernformen und der Nachmittagsbetreuung eine spürbare Einschränkung. Die Rahlgasse muss man sich als kurze Sackgasse vorstellen, die als Wohnstraße ausgeschildert ist und neben der großen Schule (30 Klassen) auch drei Lokale, einige niedergelassene Ärzt:innen und u.a. vier schöne, alte Ginkgobäume beheimatet, weshalb man dort erholsame Freiflächen und Aufenthaltsmöglichkeiten erwarten würde. Stattdessen sorgen 14 Autoparkplätze und ein Minikreisverkehr für ärgerlichen Durchzugsverkehr. Nur sehr wenige Autos parken hier regelmäßig.
[BILDPLATZHALTER 1 und 2: Foto von der Rahlgasse von dir, Bild vom Straßennetz]
In den Medien sowie in Gesprächen mit der Politik wurde die Belastung der Gasse durch die Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen immer wieder thematisiert: Die Schüler:innen berichten von fehlenden Sitzmöglichkeiten, fehlenden Freiflächen zum Spielen draußen, Sicherheitsrisiken durch den Autoverkehr direkt vor der Schule sowie großer Sommerhitze in vielen Bereichen der Gasse. Auch Wünsche nach mehr Grünflächen werden immer wieder geäußert. Im Schulgebäude ist es in den Sommermonaten derweil oft viel zu heiß, was den Druck, den Straßenraum mit den jungen Menschen zu nutzen, zusätzlich erhöht.
Dabei gäbe es ohnehin klare Vorgaben: Die eigenen Mobilitätsziele der Stadt Wien im aktuellen Stadtentwicklungsplan 2035 (STEP) sehen vor, den motorisierten Individualverkehr (MIV) drastisch von zuletzt 25 auf 15 Prozent im Jahr 2030 zu senken. Die Umwandlung von Schulumgebungen in verkehrsberuhigte Zonen ist hierfür ein zentraler Hebel, der gleichzeitig einen enormen Mehrwert für Passant:innen und Anrainer:innen bietet – durch kühlende Mikroklimate, sichere Fußwege und konsumfreie Räume zum Verweilen im dicht verbauten Bezirk.
Die Vorgeschichte: Jahrzehnte des Engagements
Der Wunsch, diesen Zustand nachhaltig zu verändern, hat an der Schule Tradition. Bereits 1984/85 unternahm eine Klasse den visionären Versuch, die Rahlgasse in eine Fußgängerzone zu verwandeln.
Download des historischen Artikels aus der Schulzeitung von 1985 [EINFÜGEN]
Seither blieb das ca. im Jahr 2000 gegründete Umweltteam der Schule kontinuierlich aktiv: Um die Vision einer autofreien Rahlgasse im Bezirk erlebbar zu machen, veranstaltet die Schule seit etwa 2007 jährlich große Straßenfeste zum Mobilitätstag – bis heute. Zudem holte man sich immer wieder externe Partner ins Boot – etwa die Initiative space and place mit dem Format #wohnstrassenleben –, um gemeinsam bei temporären Aktionen das versteckte Potenzial der Gasse als Begegnungszone aufzuzeigen und sich im Bezirk beharrlich für eine Umgestaltung einzusetzen.
Immer wieder, über viele Schüler:innengenerationen hinweg, gab es Anlaufversuche, eigene Pläne, Gespräche mit Politiker:innen – doch den mutigen letzten Schritt hat die Stadtpolitik bisher immer noch nicht gewagt. Und das, obwohl die Bezirksvertretung selbst unter Federführung der regierenden SPÖ Mariahilf im Jahr 2021 einen Antrag mit dem Titel “Klimafittes Grätzel Rahlgasse – Reallabor für die Schaffung klimafitter Grätzel” eingebracht hat. Damals hieß es von Julia Lessacher – heutige Bezirksvorsteherin und damals Stellvertreterin – gar:
“Es entsteht ein Modell der partizipativen Stadtgestaltung, das Klimaschutz, Klimawandelanpassung, Klimaneutralität und die Lebensqualität der Bewohner:innen mit ihren vielfältigen Bedürfnissen und Ressourcen in produktiven Einklang bringt“
(Quelle: MeinBezirk, 16. Dezember 2021)

Bis 2023 (siehe unten) ist dann abseits von Willensbekundungen wieder nichts passiert.
Der erste Meilenstein: Das Parklet als Startschuss

Ein echter Durchbruch gelang der Schule im Dezember 2023 durch die erfolgreiche Teilnahme am Wiener Klimateam. Mit einem durchdachten Konzept zur Umnutzung des Straßenraums konnte das Umweltteam der AHS Rahlgasse die Umsetzung einer Projektidee in die Gasse holen.
Das Ergebnis dieses Prozesses war die Errichtung eines großzügigen Parklets direkt vor der Schule mit Unterstützung der Lokalen Agenda 21. Wo vorher Autos parkten, entstand in einem partizipativen Projekt und unter Einbeziehung der Schüler:innenschaft in mehreren Workshops eine begrünte Sitz- und Verweilzone. Dieses Parklet war für die gesamte Schule und auch die Gasse ein entscheidender Meilenstein: Es lieferte den praktischen Beweis für gelungene Mitgestaltung. Im März 2025 wurde das Parklet feierlich eröffnet.


Der Rückschlag im Herbst 2025 und die Reaktion der Schule
Die Chancen für eine dauerhafte, großflächige Lösung schienen greifbar, als die Stadt Wien einen umfassenden Umbau der angrenzenden Gumpendorfer Straße ankündigte. Im Rahmen eines aufwendigen Partizipationsprozesses sollte die Gumpendorfer Straße, die sich als eine Art Hauptverkehrsader durch den Bezirk zieht, und mit ihr Nebengassen klimafit gemacht werden, wovon auch die einmündende Rahlgasse direkt profitiert hätte. Die Schule war ab 2023 im Rahmen von Workshops am Prozess beteiligt. Der Start des Umbaus der “Gumpi” wäre für Dezember 2025 geplant gewesen, die Pläne waren bereits fertiggestellt – im Herbst 2025 folgte jedoch der Dämpfer: Die Stadt gab offiziell bekannt, dass die veranschlagten Budgets eingefroren und der groß angelegte Umbau der „Gumpi“ auf ein absolutes Minimum reduziert wird. Die Pläne für eine menschenfreundliche Rahlgasse drohten mit jenen unserer großen Nachbarstraße gemeinsam in den Schubladen zu verschwinden.
Das Umweltteam reagierte auf diesen Rückschlag umgehend mit verstärktem zivilgesellschaftlichem Engagement. Um zu unterstreichen, wie essenziell die Pläne für den Schulstandort sind, startete das Umweltteam eine schulinterne Petition, die rund 730 Personen, d.h. rund 80 % aller Schüler:innen und Lehrkräfte, unterzeichneten. Parallel dazu initiierten Jugendliche der Oberstufe eine öffentliche Online-Petition auf aufstehn.at. Am 27. März 2026 – dem letzten Nachmittag vor den Osterferien – übergab eine Delegation des Umweltteams die gesammelten Unterschriften im Wiener Rathaus persönlich an den Vorsitzenden des Gemeinderatsausschusses für Stadtentwicklung, Mobilität und Wiener Stadtwerke, Omar Al-Rawi. Die Bezirkszeitung MeinBezirk berichtete digital und in Print über unser Anliegen; drei Schüler:innen kamen fürs Interview sogar in den Ferien extra in die Schule. Seither ist die Umgestaltung der Rahlgasse eines der Hauptthemen im 6. Bezirk.
So beschloss die Bezirksvertretung im März 2026 auch einstimmig, die “kostengünstige Umsetzung erster gestalterischer Maßnahmen in der Rahlgasse” zu prüfen (siehe BV-Protokoll). Mit Stand Juli 2026 läuft diese Prüfung durch den entsprechenden Ausschuss noch.


Der Übergangsplan: Kreative Ideen für eine schnelle Umnutzung
Als nächsten logischen Schritt initiierte die Direktorin der Schule, Ilse Rollett, ein Treffen mit der Bezirksvorsteherin von Wien-Mariahilf, Julia Lessacher, in der Schule. Das Gespräch kam am 27. April 2026 zustande und behandelte natürlich auch das Thema der Umgestaltung sehr ausführlich. Anwesend waren auch engagierte Schüler:innen und Lehrkräfte. Aufgrund der städtischen Sparmaßnahmen wurde hauptsächlich über temporäre Anpassungen an der bestehenden Oberfläche gesprochen. Seither geht es im konstruktiven Hin und Her zwischen Schule und Bezirkspolitik hauptsächlich um einen Übergangsplan, also um kleinere und günstigere Maßnahmen (Stichwort: “Tactical Urbanism“). Aus dem Gespräch nahm die Schulgemeinschaft die Aufgabe mit, eigene Ideen für eine vorübergehende und kostengünstige Nutzung der derzeitigen Parkflächen auszuarbeiten, worüber wiederum MeinBezirk ausführlich berichtete: „Wie geht es mit der Rahlgasse weiter?“.
Anfang Juni 2026 hat die Schule ihren Vorschlag schließlich an die Bezirksvertretung abgeschickt. Beteiligt waren wiederum das Umweltteam der Schule sowie viele weitere interessierte Schüler:innen und Lehrkräfte. Auch mit einzelnen anderen Akteuren der Gasse, wie dem TOP Kino, wurde bereits gesprochen. Der Plan wird derzeit von den Fachabteilungen geprüft (Stand: Juli 2026).

Da Großinvestitionen vorerst auf Eis liegen, fokussiert sich dieser Plan auf eine vorübergehende, kostengünstige Umnutzung der Parkplätze durch u.a. folgende Elemente:
- Beschattete Sitzmöglichkeiten: Zusätzliche Aufenthaltsflächen für Passant:innen und Schüler:innen, darunter die ikonischen, flexiblen „Enzis“ (bekannt aus dem Museumsquartier).
- Infrastruktur für Mikromobilität: Ein dringend benötigter, geordneter Rollerparkplatz, der im aktuellen Straßenbild komplett fehlt.
- Aktive Pausengestaltung: Ein öffentlicher Wuzler (Tischfußball) mit einem geschlossenen Ballsystem, um Lärm, Verschmutzung und Ballverlust zu minimieren.
- Mobiles Grün: Eine mobile Bauminsel zur sofortigen Beschattung sowie eine speziell angelegte „Biodiversitätsinsel“ mit Wildblumen, um Wildbienen und Schmetterlinge im städtischen Raum gezielt zu unterstützen.
- Wirtschaftliche Logik: Die Einrichtung von Grätzl-Ladezonen, um die Erreichbarkeit und Logistik für lokale Betriebe weiterhin voll zu gewährleisten.
Um Bezirk und Stadt bei der Umsetzung dieser Übergangsphase weitgehend zu entlasten, hat das Umweltteam bereits ein Betreuungskonzept ausgearbeitet: Konkrete Personen und Gruppen der Schule übernehmen feste Verantwortlichkeiten und Aufgaben für die Pflege und den Erhalt der Module.
Wie gut dieser temporäre Freiraum funktioniert, bewies zuletzt das von der Schule ausgehende Straßenfest „Bunte Rahlgasse“ am 19. Juni 2026, bei dem die Gasse für einen Tag komplett autofrei belebt wurde. MeinBezirk berichtete.


Die langfristige Vision: Ein unverwechselbares Grätzl-Zentrum
Der vorübergehende Übergangsplan ist jedoch nur der erste Schritt. Die langfristige Vision für die nächsten Jahre sieht eine vollständige, dauerhafte Transformation der Rahlgasse im Verbund mit der Gumpendorfer Straße vor, bei der Autos weitestmöglich weichen, um einer dauerhaften, grünen Low-Traffic-Oase Platz zu machen.
Die Rahlgasse besitzt hierfür ein enormes, bislang ungenutztes Potenzial für den gesamten 6. Bezirk: Sie könnte in Zukunft den innenstadtseitigen Beginn von Mariahilf viel markanter definieren. Die Gasse fungiert nämlich als einzigartige räumliche Achse, die drei prägende gesellschaftliche Elemente direkt miteinander verbindet:
- Die Kunst: Durch die unmittelbare Nachbarschaft und Sichtachse zum Museumsquartier (MQ).
- Die Frauenpolitik: Tief verankert in der Identität der Rahlgasse als erstes Mädchengymnasium Österreichs und geografisch geöffnet zum Johanna-Dohnal-Platz.
- Die Wissenschaft: Durch die direkte Anbindung an die Technische Universität Wien (TU Wien).
Gemeinsam mit der ikonischen Rahlstiege bietet sich für den Bezirk, die Schule und interessierte Mitbürger:innen die historische Gelegenheit, hier nicht nur einen lokalen Beitrag zum städtischen Klimaschutz und Empowerment junger Menschen zu leisten, sondern auch ein städtebauliches Gesamtkunstwerk zu schaffen, das in Wien unverwechselbar ist.
Wie es mit der Umgestaltung der Rahlgasse und auch den großen Umbauideen weitergeht, wird von jetzt aus gesehen der Herbst 2026 zeigen.
Pädagogisches Fundament: BNE und der neue Lehrplan
Das Engagement an der AHS Rahlgasse ist ein Paradebeispiel für moderne Pädagogik. Im Rahmen der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und orientiert an der BNE-Roadmap des Forums Umweltbildung (deutschsprachige Übersetzung des UN-Rahmenprogramms zur Umsetzung der BNE) erwerben die Jugendlichen hier fundamentale Kompetenzen der Selbstwirksamkeit. Sie erleben, dass ihre Stimmen zählen und sie gesellschaftliche Prozesse konstruktiv mitgestalten können.
Diese Praxis deckt sich mit den gesetzlichen Vorgaben des österreichischen Bildungssystems. Der Lehrplan der AHS-Unterstufe (Allgemeiner Teil) verankert BNE als verbindliches übergreifendes Thema und hält darin fest:
“Bildung für eine nachhaltige Entwicklung muss als allgemeines Anliegen und Leitidee an der ganzen Schule gesehen werden. […] Im Lernprozess sollen Wissen, Kompetenzen und Fähigkeiten, Werte und Einstellungen erarbeitet werden, die junge Menschen befähigen, bei der Bewältigung der gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Herausforderungen auf lokaler bis hin zur globalen Ebene eine aktive Rolle einzunehmen.” (Quelle: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF), Lehrplan der AHS-Unterstufe, Allgemeiner Teil, Abschnitt „Übergreifende Themen – Bildung für nachhaltige Entwicklung“, 2023)
Indem die AHS Rahlgasse den Straßenraum vor ihrer Haustür zum Reallabor macht, zeigt sie auf, wie moderne Schule und zukunftsfähige Stadtgestaltung Hand in Hand gehen können.
Beitrag von Karl Marquart, Teil des Umweltteams der AHS Rahlgasse.
