Seit 2006 fährt die Critical Mass am 3. Freitag jedes Monats für #MehrPlatzFürsRad durch Wien und tritt für die Verkehrswende in die Pedale – mit Soundmobilen und Spaß! Damit ist sie die dauerhafteste Protestaktion Wiens. Ihre Anfänge waren von Polizeirepression geprägt, daraus entstand aber eine einzigartige Kooperationsform und viele weitere radaktive Initiativen in Wien. Von Wien inspiriert gab es bald auch Critical Masses in Graz, Linz und Salzburg.
Tausende Radler:innen haben schon an der CM teilgenommen! Zum Jubiläum soll am 17. April 2026 die größte CM Wiens stattfinden, danach wird mit Live Bands auf der Donauinsel in und um die Summerstation gefeiert. Infos und Einladung zum Event gibt es hier.

Die Critical Mass 2021 vor dem Rathaus zum Einstand von Ulli Sima als Verkehrsstadträtin.
Kleiner Start mit großen Rechtsproblemen
Im März 2006 fuhr erstmals eine kleine Gruppe Radler:innen nach dem Vorbild der Critical Mass Bewegung, die 1992 in San Francisco begann, auf Wiens Straßen, um sich mehr Platz für Radverkehr zu nehmen. Die kaum zweistellige Gruppe war von der Critical Mass Dublin inspiriert – in rund 100 Städten fanden damals Critical Mass Fahrten statt, heute sind es über 400 weltweit. In Wien gab es jedoch in dieser Zeit keinerlei Raddemos mehr.
Der erste Versuch trug Früchte, obwohl die kleine Gruppe stark von Autofahrenden bedrängt wurde. Es bildete sich ein Team von fünf Personen, die den CM-Gedanken weitertragen und vergrößern wollten. Als CM-Startpunkt wurde der Margaretenplatz im 5. Bezirk fixiert, Startzeit 16:30 an jedem 3. Freitag des Monats. Mehr Organisation ist für eine CM nicht nötig: einfach treffen und losfahren, denn „Wir sind der Verkehr!“ – so lautet ein Slogan der CM-Bewegung. Folgerichtig braucht es auch keine Anmeldung als Versammlung. Die Route wird unterwegs spontan gewählt.

Es vergingen noch Jahre bis die CM so groß werden sollte wie hier auf dem Bild aus 2012.
Schon im Oktober 2006 kam es zu ersten Rechtsproblemen. Strafmandate in beträchtlicher Höhe wurden von der Polizei Wien an acht Teilnehmer:innen versendet. Rasch stellten sich Rechtsberater:innen und die junge Radlobby IGF zur Verfügung, die den Betroffenen bei ihren Einsprüchen behilflich waren. Im Jänner 2007 wurden die Anzeigen fallen gelassen – ein erster Erfolg! Der auskunftsgebende Beamte des Polizeipostens Josefstadt formulierte übrigens die Begründung am Telefon laut criticalmass.at-Archiv so: “Des san de Deppatn. Des is uns z’deppat.“

Positive Medienpräsenz wie diese im Falter 2006 oder ein Auftritt im FM4 Jugendzimmer halfen der CM beim Wachsen. Auf Radio Orange gab es sogar Live-Berichterstattung direkt von den CM-Fahrten.
Aggressive Autofahrer:innen als Gefahr
Da die Teilnahmezahlen im Anfangsjahr noch nicht dreistellig waren und die Polizeibegleitung nur sporadisch stattfand, waren drängelnde Autofahrer:innen eine unangenehme Gefahr für die kleine CM. Im November 2006 kam es sogar zu einem Auffahrunfall, als eine aggressive Autofahrerin im roten BMW-Cabrio einen Radfahrer mutwillig anfuhr. Diese Aktion zog neben positivem Alkotest und einer Anzeige für die Autofahrerin unverständlicherweise auch eine Anzeige wegen Sachbeschädigung gegen den CM-Radler nach sich. Im Juli 2007 kam es zur Gerichtsverhandlung wegen dieses Zwischenfalls. Die Richterin hat dort die absurde Argumentation der beschwipsten Autolenkerin abgeschmettert.
Eskalation der Polizei und Einigung
Im April 2007 machte es die große Anzahl von Mitradler:innen mit dem bisherigen Rekord von 270 Personen möglich, erstmals die vielspurige Reichsbrücke zu erobern und am Gipfelpunkt ein schönes Bikes-Up zu machen. “Erfreulicherweise winkten einige Autofahrende fröhlich aus ihren steckengebliebenen Blechdosen, als die CM die andre Seite der Brücke wieder zurückfuhr!” hält der Blog von criticalmass.at fest. Das Wachsen der CM hatte aber ein Nachspiel durch die Polizei.

Bei der August-CM 2007 wurde der Margaretenplatz zum Ort einer groß angelegten Polizeikontrolle inklusive Schnellrichter im Bus, der vor Ort Anzeigen exekutierte. Die Beamt:innen kontrollierten alle Räder auf Reflektoren und Glocken, um dadurch die Aktivist:innen einzuschüchtern. Der Blog von critcialmass.at schreibt: “Nachdem die Critical Mass nunmehr seit 16 Monaten friedlich und lustvoll durch Wien radelt und ein gutes Einvernehmen mit der immer wieder begleitenden Polizei herrscht, kommt es im August völlig unverständlich zu einer Zerstörung dieses Verhältnisses durch die Polizei mit einer StVO-Aktion-Scharf”.
Durch ein koordiniertes Vorgehen der Kerngruppe der CM, die sich auch Rechtsberatung holt, kommt es zu einer Verhandlung mit der Landespolizeidirektion. Deren Leitung geht auf die Argumente der CM-Delegierten ein und einigt sich mit ihnen auf einen Modus Operandi, der bis heute anhält und die CM mit Polizeibegleitung durch Wiens Straßen schützt, während die CM ihre Route frei wählt. Dazu braucht es aber noch weitere Gespräche im Februar 2008 mit dem Leiter der Landespolizeidirektion Wien. Dieser Modus hält bis heute und braucht seitens der CM Polizeikontaktpersonen während der Fahrt, die den begleitenden Beamt:innen sagen, wohin die CM selbstbestimmt fahren will.
Nackt fährt die Critical Mass am größten
Die CM wuchs von Monat zu Monat und von Jahr zu Jahr, wobei natürlich die warmen Jahreszeiten die meisten Teilnehmer:innen anziehen. Ausgezogen war die Anziehungskraft aber am stärksten! Der Naked Bike Ride ist eine vor allem in Großbritannien gepflogene Aktionsform, bei der sich Radler:innen nackt ausziehen, um auf die Verletzlichkeit von Radfahrenden und die Schädlichkeit der Ölindustrie hinzuweisen. Daran orientierte sich die CM in Wien uns setzte jeweils im Juni, der ja auch Pridemonth ist, die Naked Bike Ride CM an. Medienecho und Aufmerksamkeit waren dadurch sicher und die Teilnehmer:innenzahl stieg: 2008 waren 460 dabei, 2009 dann 600 und 2012 dann die größte CM mit beindruckenden 1.500 Radler:innen in bunten Bemalungen, Kostümen, Badeanzügen oder gar nix. Dieser Rekord hielt bis 2024, als dann über 2.000 Radler:innen bei der Juni-CM mitmachten.

Der Naked Bike Ride 2021 mit BikesUp auf der Reichsbrücke. Hier gibt es ein Video vom Naked Bike Ride 2017 von WienTV zu sehen: Youtube
Wie die wachsende Initiative einen neuen Startort fand
Der kleine Margaretenplatz wurde schon 2007 zu eng für die vielen Radler:innen, die sich bei den Critical Masses dort zum Start versammeln wollten. Nach einem ausführlichen transparenten Voting-Verfahren via Website-Forum und Abwägen der Vor- und Nachteile anderer Optionen wie dem Karlsplatz oder Heldenplatz im CM-Plenum fiel die Entscheidung auf Grund der optimalen Verkehrslage. Im Jänner 2009 startete die CM erstmals vom Schwarzenbergplatz, der bis heute als Versammlungsort dient, wie hier im BIld von 2023:

Musik fährt immer mit
Schon bei den ersten CM im Jahr 2006 war immer ein Soundmobil dabei, das die passende Stimmung verbreitete und mehr Radler:innen anzog. Mittlerweile sind es zahlreiche Soundmobile, durch Funk verbundene Gespanne oder DJ-Bikes. Ein Highlight war die Mitnahme von Live-Bands auf Transporträdern – erstmals im Oktober 2007 mit sechs Musikant:innen begleitet von 150 Radler:innen. Im April 2009 kamen sogar 16 Lastenräder, um die französische Bigband „Fanfare Krapo“ aufzuladen. Die Livemusik mit Schlagzeug, Tubas, Posaunen und Saxophon rockte die Critical Mass über den Ring: “Angesichts der begeisterten Passant:innen wäre es wirklich an der Zeit, den Ring endlich autofrei zu machen!”, so criticalmass.at Dabei wurde auch die Parlamentsrampe gestürmt. All das gibt es immer noch hier auf Youtube zu sehen.

Rasen am Ring, Hochradkämpfe, Bälle und Filmfestivals
Durch die Energie der frühen Critical Mass Jahre wurden andere aktivistische Highlights in Gang gesetzt. Schon 2007 fand am Internationalen Autofreien Tag das erste „Rasen am Ring“ statt, initiiert von der Kerngruppe der CM. Dabei wurde ein langer Abschnitt des Rings von Autos befreit, mit echtem Rollrasen belegt und mit einem bunten Programm bespielt, von ehrenamtlichen Initiativen organisiert und von führenden Medien besucht. Diese Aktion bildete fast 10 Jahre lang jährlich den österreichweiten Höhepunkt der Mobilitätswoche im September. „Wir fordern die autofreie Stadt – und zeigen ihre Vorzüge mit einem für alle offenen Picknick auf Rasenflächen, die die Raser- und Staustrecke Ring bedecken werden!“, so lautete der Einladungstext im ersten Jahr.

Sogenannte „Tall Bike Joustings“, also Lanzenturniere auf selbstgeschweißten Hochrädern, fanden auch 2007 als Abschluss der CM statt. Unvergessliches Highlight war der Joust im Burggarten! Und der erste Bike Ball bat im Jänner zum subkulturellen Tanz mit Fahrradspielen und Schlauchkostümen in das Underground-Lokal i:da. Der Bike Ball der Bikekitchen Vienna blieb bestehen und fand in 15. Auflage heuer im EKH statt. Besagte Bike Kitchen als linke Selbsthilfewerkstatt und Communitytreffpunkt entwickelte sich aus der CM und öffnete im Mai 2008 ihre Kellertüren in der Goldschlagstraße, wo sie weiterhin besteht und Vorbild für andere ähnliche Initiativen in Wien, Linz und Europa wurde.
Auch das International Bicycle Film Festival Vienna (BFF) ging von der CM-Kerngruppe aus, die sich 2006 beim BFF in Mailand inspirieren ließen und das Festival im Herbst 2007 nach Wien ins Top Kino holten. Es sollte in den darauffolgenden neun Jahren die größten Wiener Kinos wie Urania und Gartenbau bespielen und sich ab der sechsten Ausgabe in „Radkult Wien Festival“ umbenennen.
Mahnmale für getötete Radfahrer:innen
Ghostbikes sind weiß bemalte Räder, die den Tod von Radfahrer:innen durch Autos und Lkws sichtbar machen und ein Hinweis für Verkehrspolitiker:innen sein sollen. Im März 2008 stellte die CM mehrere Ghostbikes auf, das erste davon an der Ecke Felberstrasse/Schweglerstrasse. Im Juli und Oktober 2008 sowie Februar 2009 folgten weitere. Trotz der Vorinformation an die Bezirksvorstehungen wurden sieben dieser Mahnmale durch die Stadtverwaltung entfernt – die daraus resultierende mediale Entrüstung brachte der CM und der jungen Radlobby IGF den ersten Termin bei SP-Verkehrsstadtrat Rudi Schicker. Seither sind alle Ghostbikes in Wien geschützt, das bisher letzte seiner Art musste leider im Jänner 2025 in der Donaustadt errichtet werden.

An diesem kurzen Abriss der frühen Jahre der Critical Mass in Wien und der davon ausgehenden Impulse lässt sich die Macht und Inspirationskraft von gemeinsamem Engagement erkennen. Und auch nach 12 Jahren entstand noch etwas Neues aus der alten CM: die Kinderversion, die die CM mittlerweile bei der Grätzl Kidical Mass an Menge weit überflügelt hat. Die erste Kidical Mass Wien startete im Mai 2018, auf criticalmass.at hieß es dazu: „Denn auch die meisten Kinder fahren gerne Rad. Leider ist das in der Stadt oft nicht sicher möglich. Deshalb fahren wir als Kidical Mass gemeinsam und geschützt durch die Stadt!“

Das hier geschilderte erste Jahrzehnt neuerer Wiener Fahrradgeschichte wurde in der Kurzdoku „Freilauf Vienna“ mit Zeitzeug:innen resümmiert. Hier auf Youtube zu sehen:
Criticial Mass Wien
Am 3. Freitag jedes Monats
Schwarzenbergplatz, 17:00
Die aktuelle Funktionsweise der Critical Mass Wien lässt sich hier nachlesen.
Die Koordinationsgruppe der CM hat sich „Stützrad“ genannt, weil sie die CM in ihrer Existenz unterstützt. Manche von ihnen sind seit über 15 Jahren für die CM aktiv, manche seit kurzem. Die Gruppe ist offen für Menschen, die produktiv zum Gelingen der CM in Wien beitragen möchten. Meldet euch bei Interesse unter: cmvie@gmx.at
Alles zu Critical Masses in Österreich findet ihr unter criticalmass.at

